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Dividend Post Interview mit Richard “Richy” Dittrich (Börse Stuttgart)

Autor: The Dividend Post (Clemens)
18 Dezember 2022

Richard "Richy" Dittrich, mein diesmaliger Gesprächspartner für das monatliche Dividend Post Interview, ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um Themen zur Börse geht. Seit Jahren gelingt es ihm durch verständliche Erklärungen mehr Wissen über das Geschehen an den Kapitalmärkten zu verbreiten. Mit Richy sprach ich über seine Investmentstrategie, die damit verbundenen Vor- wie Nachteile, wie sich die Aktionärskultur in Deutschland entwickelt und ob er sich im Bärenmarkt absichert.

Lieber Richy, herzlich Willkommen zum Dividend Post Interview! Am besten Du stellst Dich mit Deinen eigenen Worten den Lesern vor, wiewohl Dich viele bereits kennen.

Richard Dittrich: Mein Name ist Richard Dittrich und ich arbeite an der Börse Stuttgart seit 1.1.2001, bin also seit Ewigkeiten dabei. Davor absolvierte ich in den 1990er Jahren eine Ausbildung zum Bankfachwirten. In meinen letzten Jahren in der Bank verspürte ich keine große Lust mehr dort zu arbeiten. Auf die Bauspar-Woche folgte die Weltsparwoche, darauf die Versicherungswoche und das Ganze ging dann wieder von vorne los. Was vielleicht ein wenig komisch aus dem Mund eines Börse-Mitarbeiters klingt, doch aus Gewissensgründen fühle ich mich bei meinem heutigen Arbeitgeber deutlich wohler als für eine Bank zu arbeiten.

Bei der Börse Stuttgart baute ich von Grund auf das Beschwerdemanagement auf. Dort hieß es von unzufriedenen Kunden auf gut Deutsch „jeden Tag mit Anlauf in die Fresse bekommen“. Relativ rasch lernte ich, dass die Wurzeln der einzelnen Probleme oftmals nicht bei der Börse lagen, sondern beim unterschiedlichen Verständnis über die Börse. Den Bereich leitete ich für einige Zeit, heute arbeite ich als Chief Customer Experience Officer. Neben internen Projekten bin ich durch Veranstaltungen und Seminaren bin ich immer stärker in den Bereich Social Media gerutscht und somit verstärkte sich der Austausch mit den Finanzbloggern in Deutschland über die Jahre.

Erzähl uns von Deinem Weg an die Börse?

Während meiner Ausbildung bei der Bank gab es die Möglichkeit, dass Azubis vom Arbeitgeber Kapital für das Investieren an der Börse zur Verfügung gestellt bekamen. Als Azubi-Gruppe konnten wir in einer Gruppe das Geld gemeinsam anlegen. Zurzeit des Neuen Marktes verspürte ich rasch diese Hybris, dass alles was man anfasst, zu Gold werden würde. Damals ging es mit meinem eigenen Geld von den anfänglich 30.000 D-Mark hoch auf eine Viertel-Million, ehe ich auf 20.000 DM Schulden saß. Ich erlebte viel Schmerz in jener turbulenten Phase und begriff für mich, dass es neben der Erfahrung auch eine gewisse Demut an der Börse braucht. Aus dieser Zeit kann ich gut nachvollziehen, welche Fehler Börsenneueinsteiger gerade zu Beginn machen können, wenn es, wie nachdem Corona-Kurssturz, so rasant nach oben geht. Deshalb zehre ich aus diesen Erfahrungen in meinem heutigen Job, dass es mir wohl gelingt relative komplizierte Sachverhalte in einfachen, verständlichen Worten zu erklären.

Die Börse Stuttgart wird gerne als die Börse für Privatanleger bezeichnet. Ihr unternimmt vor allem auf den Sozialen Medien einiges zum Thema Finanzbildung und in der Offline-Welt sei stellvertretend euer Engagement auf der INVEST zu nennen. Erzähle uns über die Motivation und Beweggründe, warum ihr damit begonnen habt?

Sehen wir uns die deutsche Börsenlandschaft an, geht klar hervor, welche Börse welchen Claim besetzt. Während in Frankfurt der Fokus auf die institutionellen Anleger liegt, konzentrieren wir uns auf die Privatanleger. Neben einem passenden Internetauftritt war es für uns logisch, dass wir als „Privatanleger-Börse“ ebenso auf der Content-Seite einiges machen müssen. Auf den ersten Blick kompliziert klingende Begriffe erklären, der Austausch mit der Finanz-Community etc. Weiters führten wir als erste Börse das Best-Price-Prinzip in das Regelwerk ein, d.h. wer bei uns handelt wird nicht schlechter ausgeführt als zum gleichen Zeitpunkt auf XETRA. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir uns natürlich auch für institutionelle Investoren als der richtige Ansprechpartner sehen, jedoch die Privatanleger im Gegensatz zu anderen Börsen aktiv ansprechen.

Und wie zufrieden bist Du mit der Entwicklung der Investment- bzw. Aktienkultur im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren?

Ich kann jetzt nur für Deutschland sprechen. Als erschreckend empfinde ich, dass jeder zweite Deutsche sich als Handwerkerkönig sieht und sich zutraut, eine Toilette an die Wand zu dübeln, jedoch bei der Geldanlage sich relativ unselbstständig verhält. Der Impuls nach Ausbruch der Coronapandemie, als die Anzahl der Depots deutlich anstieg, war eine wohltuende Veränderung. Dennoch assoziieren die Menschen bei uns nach wie vor eher Spekulation mit Börse. In Nordamerika sprechen sie beim Investieren in Aktien von Chancen. Die Vorsicht der Deutschen gegenüber Schwankungen ist sehr ausgeprägt. In Wirklichkeit fängt es viel früher an, an welcher Stelle es an der nötigen Finanzbildung fehlt. Inflation, Kaufkraftverlust, Versicherungen, etc. Beim Thema Umgang mit Finanzen kommt die eigentliche Geldanlage erst an nachgelagerter Stelle an die Reihe.


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Existiert seitens der Börse Stuttgart eine Verbindung zu Österreich bzw. zum österreichischen Kapitalmarkt wie beispielsweise der Wiener Börse?

Eine direkte Beziehung hinsichtlich Kooperationen o.ä. gibt es momentan nicht. Im Börsenhandel spielt es keine Rolle, woher die Order stammt. Der auftraggebende Bank kann zwar für einen ausländischen Kunden die Transaktion einleiten, jedoch wissen wir davon nicht Bescheid. Bei öffentlichen Veranstaltungen in Wien freue ich mich jedoch über die positive Resonanz aus dem Publikum zu unserem Engagement.

Aktuell zur Fußballweltmeisterschaft: spürt ihr an der Börse einen Rückgang im gehandelten Volumen?

Ich kann jetzt Vergleiche mit vergangenen Großveranstaltungen heranziehen. Da gab es zu gewissen Spielzeiten, insbesondere wenn die deutsche Nationalmannschaft ein Match hatte, signifikant weniger Preisfeststellungen auf XETRA. Ähnliches Phänomen betrifft übrigens auch die Tour de France. Solch ein Trend, wenn auch in nicht so drastischen Ausmaß, tritt im Juli und August ein, das sogenannte Sommerloch.

Kommen wir wieder zum Investieren: ich habe vor Kurzem über ein Grundkonzept für eine auf Dividendenwachstum fokussierte Investmentstrategie geschrieben. Wie würdest Du Deine Anlagestrategie definieren und welche Ziele verfolgst Du damit?

Für mich war beim Geld anlegen klar, dass ich für einen langfristigen Zeithorizont, sprich 15 bis 20 Jahre, investiere. Keine Ahnung, wann ich tatsächlich in Rente gehen kann und sich der Staat bis dahin einfallen lässt. Ich möchte die Möglichkeit besitzen, vor der Rente eine Zeitlang beispielsweise in Teilzeit zu arbeiten. In meiner Investmentstrategie decke ich einen Gutteil des Portfolios mit Technologie-Einzelwerten ab, für die ich mich interessiere und die Unternehmensstory begeistern. Da dies nur eine Seite der Medaille darstellt, balanciere ich mit teilweise ausschüttungsstarken ETFs die Einseitigkeit meiner Einzelwertauswahl aus. Ich mische bewusst meiner aktiven Seite mit rund 25 Titeln die passiven Indexfonds bei, damit das Gesamtdepot nicht aus dem Lot läuft. Nebenher baute ich ein verhältnismäßig großes Crypto-Portfolio mit einem Anteil von ca. 30 Prozent auf (Anm. auf den Marktwert bezogen). Hier sehe ich nach wie vor ein großes Potential. Bei den Aktien versuche ich ein regelmäßiges Rebalancing vorzunehmen, bei Cryptos betreibe ich das nicht. Dort gehe ich bewusst das Risiko ein und nehme die stärkeren Schwankungen in Kauf.

Die Preisermittlung an der Börse funktioniert auf Basis eines klar definierten Regelwerkes. Auf welchen wesentlichen Aspekte beruhen Deine Entscheidungen in Deinem Investment-Prozess bzw. Regelwerk?

Gewissermaßen ja, anhand von zwei wesentlichen Faktoren. Einerseits erfolgt die Aufteilung nach Branchen, andererseits durch das Money-Management wie beispielsweise die Positionsgröße bei neuen Investments. Bevor ein Einzelwert gekauft wird, beschäftige ich mich mindestens eine Woche mit dem Unternehmen. Früher investiere ich auf gar keinen Fall. Ich möchte nicht mir in den Modus aus der Zeit des Neuen Marktes hineinfallen, also Entscheidungen rein aus dem Bauch heraus zu treffen. Zudem vermeide ich Übergewichtungen im Portfolio.

Was sind aus Deiner Sicht die Vorteile dieses Investmentansatzes? Wo ortest Du gegebenenfalls Defizite?

Die Vorteile in puncto breite Streuung habe ich bereits erwähnt. Durch meinen hohen Technologie-Anteil akzeptiere ich stärkere Schwankungen. Zum aktuellen Zeitpunkt machte ich im Jahr 2022 ca. 38 Prozent Verlust, im letzten Jahr waren es dafür 99 Prozent Gewinn. Am Ende ist die entscheidende Frage, welchen Weg man gehen möchte. Mehr Schwankungen kann mehr Chancen bzw. höhere Schmerzen bedeuten und vice versa. Je näher der Zeitpunkt kommt, an dem ich mich aus der Arbeit mehr rausnehmen möchte, werde ich zusehends damit beginnen, dass Depot in Richtung weniger Volatilität und mehr Cash Flow umzuschichten.

Familiendeckungsstock, generationsübergreifender Anlagehorizont, Junior-Depot… spielen solche Aspekte als Jungvater bei Dir eine Rolle beim Investieren?

Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass Kinder ihren eigenen Weg gehen. Das bedeutet für mich auch, ihnen nicht alles in die Wiege zu legen. Sie sollen sich entfalten und ihre eigene Meinung von den Dingen dieser Welt bilden können. Als Eltern – und so durfte ich es auch selbst beim Aufwachsen erleben – stehe ich ihnen für Rat und als Diskussionspartner immer zur Verfügung. Unabhängig davon veranlagen wir das Kindergeld nebenher in ETFs. Das bestehende Depot einmal vererben zu können, ist ein Gedanke, mit dem ich mich auch auseinandersetze.

Interessant finde ich den Aspekt, die Kinder zum Thema Aktien und den Bezug zum Unternehmen im Alltag heranzuführen. Diese finanzielle Bildung im Sinne von Verständnis schaffen im Umgang mit Geld wiegt wohl schwerer in der Wichtigkeit als die zehntausend Euro mehr oder weniger im Depot.

Oftmals ist im Kontext des langfristigen Investierens vom Zinseszinseffekt die Rede. Welche Rolle spielt dabei das Dividendenwachstum für Dich?

Aktuell weniger, da ich infrage kommende Einzelwerte vorwiegend automatisiert durch ETF-Sparpläne abdecke. Für mich ist das ein Thema worauf ich hin und wieder einen Blick werfe. Die persönliche Dividendenrendite spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle, die ja in gewisser Form ein anderer Ausdruck für den Wert des langfristigen Investierens ist. Ich bemerke, dass dies vielen Anlegern wenig bewusst erscheint und der Fokus stark auf die aktuelle Dividendenrendite liegt. Nach dem Motto: je höher die Dividendenrendite, desto besser das Investment. Wenn ich die Rente in Sichtweite habe, werde ich wohl stärker auf das Konzept wachsender Dividenden umschwenken. Vielleicht gucke ich dann bei Dir auf dem Blog vorbei 😉

Welche Bedeutung spielt das Thema Diversifikation im Portfolio für Dich als Investor?

Darüber verlor ich bereits ein paar Worte. Ich fokussiere mich auf eine ausgewogene Mischung was die Branchenzugehörigkeit betrifft. Ein Aspekt, den sich Anleger überlegen könnten, wäre die bewusste Beimischung von nicht-börsennotierten Assets. In der Vergangenheit machte ich meine Erfahrungen mit Peer-to-Peer. Heute steckt zwischen drei und fünf Prozent meines Geldes in Lego. Diese Marktnische korreliert nicht mit den Aktienmarkt. Was ich damit sagen möchte: Diversifikation muss nicht zwangsläufig bei Aktien, ETFs und Cryptos enden, um die Schwankungen im Portfolio zu glätten. So entschied ich mich heuer bewusst für ein außerbörsliches Investment in eine Photovoltaikanlage trotz anfangs beschaulicher Rendite.

Zur aktuellen Lage im Bärenmarkt samt höherer Volatilität: fährst Du eine Absicherungsstrategie für Dein Depot?

In der Vergangenheit bin ich am besten damit gefahren, einen Teil der Position vom Tisch zu nehmen. Dadurch verringert sich meine Positionsgröße, die im Risiko steht. Absicherungen kosten wie Versicherungen Geld und auch Rendite. Momentan sind diese Versicherungsprämien logischerweise teurer, weil die Protagonisten am Markt diese Risiken deutlich höher bewerten als in ruhigeren Börsenphasen.

An der Börse bilden wir uns als Investoren eine bestimmte Meinung, bevor wir in ein Unternehmen, ETF, Fonds, o.ä. unser Geld investieren. Wann hat sich Deine Meinung zu einem Investment das letzte Mal geändert?

Seit längerer Zeit läuft es bei mir relativ langweilig, da hat sich ehrlich gesagt substantiell kaum was verändert. Ich denke, dass ein sauberes Tracking auf die eigene Portfolioentwicklung wichtig ist, ohne damit zu viel an Lebenszeit zu verbringen. Ich verwende seit Jahren das kostenlose Tool namens Portfolio Performance, um den Überblick über alle meine Assets zu behalten.

Welche Medienempfehlungen möchtest Du den Lesern mitgeben?

Zunächst hängt das mit dem speziellen Thema zusammen, mit dem man sich genauer beschäftigen möchte. Generell im Bereich Aktienmarkt finde ich Echtgeld-TV von und mit Christian Röhl und Tobias Kramer sehr empfehlenswert. In der Schweiz gefällt mir der Sparkojote, weil er seinen eigenen Weg als junger Unternehmer mit spannenden Geschäftsideen geht. Im Crypto-Bereich verfolge ich Bitcoin2Go und Roman von Blocktrainer, beide mit zwei komplett unterschiedlichen Ansätzen. Ich muss wirklich aufpassen, da ich jetzt nur tolle Leute vergessen kann, die ich hier alle auflisten könnte. Das Schöne an der Sache ist diese enorme Vielfalt an Informationsangeboten, die es zu meiner Zeit, als ich an der Börse meine ersten Schritte unternahm, schlichtweg nicht existierte. All die Fehler, die ich damals selbst machen musste, darüber hat heute irgendjemand schon auf einen Blog, YouTube-Kanal oder Podcast berichtet. Achtet darauf, was euch die Leute erzählen. Wenn jemand noch nie einen Verlust hinnehmen musste, sehe ich das als ein trügerisches Zeichen. Es ist klar: an der Börse sind Verluste normale Sache.

Zum Schluss: worum geht’s im Leben?

Mir geht es darum, einen Fußabdruck im Leben zu hinterlassen. Ich war jahrelang der Meinung, dass ich bzw. wir selbst keine Kinder haben möchten. In unseren „alten“ Jahren haben wir unsere ursprüngliche Entscheidung über Bord geworfen und ich muss gestehen: seit mittlerweile einundeinhalb Jahren als Vater gibt es für mich nichts Wichtigeres. Reichtum und Besitz macht nicht zwangsläufig glücklich, auch wenn es manche Dinge im Leben erleichtert.

Richy, vielen Dank für Deine Zeit und das angenehme Gespräch!


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