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Dividend Post Interview: Tim Schäfer

Autor: The Dividend Post (Clemens)
18 Oktober 2022

Mein diesmaliger Gesprächspartner für das monatliche Dividend Post Interview wird den meisten von euch gut bekannt sein: Tim Schäfer betreibt den wohl ältesten deutschsprachigen Finanzblog im Netz. Mit ihm sprach ich über seine eiserne Investmentstrategie, die damit verbundenen Vor- wie Nachteile, warum Tim sich vom deutschen Energieversorger Uniper trennte und ob er plant nach Europa zurückzukehren.

Lieber Tim, herzlich Willkommen zum Dividend Post Interview! Am besten Du stellst Dich mit Deinen eigenen Worten den Lesern vor, wiewohl Dich viele bereits kennen werden.

Tim: Als freier Journalist lebe ich seit vielen Jahren in New York. Wenn man so möchte, kann ich als Privatier bezeichnet werden. Wobei ich immer noch gerne arbeite, weil ich keine Lust verspüre, mein Vermögen langsam aufzuzerren. Aufgewachsen bin ich in recht einfachen Verhältnissen in Hessen, wo ich bis 2006 meinen Lebensmittelpunkt hatte.

Erzähl uns von Deinem Weg an die Börse?

Als ich noch ein Kind war, nahm ich wahr, dass das Geld in unserer Familie doch recht knapp war. Ich begann früh mit dem Arbeiten neben der Schule. Am Sonntag die Zeitung austragen, in der örtlichen Buchhandlung mitarbeiten oder bei McDonald’s in der Küche aushelfen, solche Jobs machte ich jahrelang, um mir was zusammen zu sparen. Zudem lebte ich sehr sparsam in Studentenwohnheime oder Wohngemeinschaften während des Studiums und danach. So kam das nötige Geld für das Investieren herein. Zunächst bildeten die bekannten Klassiker den Beginn meiner Investments: Bausparvertrag, Immobilienfonds, Sparbücher. In den Jahren nach meinem 18. Geburtstag habe ich den Wechsel in Richtung Aktien forciert und diese kontinuierlich ausgebaut. Dies stellte den Beginn meines Vermögensaufbaus dar.

Du führst einen der ältesten, wenn nicht sogar den ältesten Finanzblog im deutschsprachigen Raum. Erzähle uns über Deine Motivation und Beweggründe, warum Du damit begonnen hast?

Bevor ich mich entschloss, endgültig nach New York zu wechseln war ich Angestellter bei einem kleineren Verlag in Frankfurt. In dieser Zeit konnte ich ein zeitlich begrenzten Arbeitsaufenthalt in den USA absolvieren. Da ich rasch eine Rückkehr nach Deutschland ausschloss, war der Job als freier Journalist eine realistische Option. Vom Deutschen Journalistenverband wurde mir daher geraten eine eigene Website aufzusetzen und so entstand daraus mein Blog.

Tim schäfer Blog

Blog Tim Schäfer Media


Und wie zufrieden bist Du mit der Entwicklung seit über 15 Jahren?

Mit viel Herzblut fließt nach wie vor einiges an Arbeit in den Blog. Ich möchte niemanden die Illusion rauben, aber aus finanzieller Sicht gäbe es wohl lukrativere Wege sein Geld zu verdienen. Das erlöste Honorar auf die Stunde heruntergebrochen musst du mit der Lupe suchen, so klein sind die Ziffern 😉

Das Wichtigste, dass ich zu 100 Prozent hinter den Bloginhalten stehe, blieb erhalten. Viele Angebote für „Sponsored content“ oder diverse Affiliate-Links passen da einfach nicht zum Grundkonzept des Blogs. Monetär gesehen bleibt der Blog ein Hobby, das mir viel Freude bereitet und daran möchte ich auch nicht großartig was ändern.

Kommen wir wieder zum Investieren: Ich habe vor Kurzem über ein Grundkonzept für eine auf Dividendenwachstum fokussierte Investmentstrategie geschrieben? Wie würdest Du Deine Anlagestrategie definieren und welche Ziele verfolgst Du damit?

Die Strategie ist wohl ein ausgewogener Mix aus Value und Growth-Einzelwerten. Zudem mische ich ETFs dazu. Der Hauptschwerpunkt des Portfolios liegt auf US-amerikanische Unternehmen aus dem S&P 500, die in ihren Märkten zumindest in den Top 3 rangieren was ihre Wettbewerbsstellung betrifft. Dazu gesellen sich einige deutsche Titel wie CTS Eventim. Ich verfolge einen strikten Buy-&-Hold extreme Ansatz. Das bedeutet simpel gesprochen, jemals gekaufte Aktien nicht mehr zu verkaufen und bis zur Rente – und darüber hinaus – zu halten. Eben auch in Krisenzeiten oder Bärenmärkten kaufe ich ständig nach bzw. reinvestiere meine erhaltenen Dividenden.

Auf welchen wesentlichen Aspekte beruhen Deine Entscheidungen in deinem Investment-Prozess bzw. Regelwerk?

In einem ersten Schritt schaue ich mir die Unternehmensstory an. Wer sind die Gründer und jetzigen Eigentümer, welche Produkte oder Dienstleistungen bringt das Unternehmen auf den Markt und wie funktioniert das Geschäftsmodell im Groben. Danach folgen die fundamentalen Kennzahlen, relevante Multiples und Bewertungsparameter wie Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnis. Dabei sollte bei historischen Datenreihen auf den Einfluss von Aktienrückkäufen auf die einzelnen Kennzahlen Acht gegeben werden.

Was sind aus Deiner Sicht die Vor- und Nachteile dieser Strategie(n)?

Zum einen ist meine Strategie steuersparend, weil ich keine Kursgewinne realisiere, auf die wiederum Steuern fällig wären. Weiters erspare ich mir Gebühren, gleichwohl das mit den neuen Brokern deutlich besser wurde als in der Vergangenheit. Zudem empfinde ich meinen Ansatz sehr nervenschonend, da ich mir das Ganze hin und her erspare. Market Timing umgehe ich mit dieser Strategie ohnehin. Ein Nachteil kann darin gesehen werden, dass sich ein ETF-Anleger noch mehr Zeit erspart. Ich sehe ETF-Anleger als smarte Leute, da sie gar nicht den Anspruch stellen, den Markt outperformen zu müssen. Für die meisten Anleger sind ETFs eine super Wahl.

Welche Rolle spielt dabei das Dividendenwachstum für Dich?

In meinem Portfolio gibt es einige Dividendenaristokraten wie Chevron, Johnson & Johnson oder Procter & Gamble. Ebenso schütten meine Bankwerte wie Bank of America und Citigroup üppige Dividenden aus. Ich sehe es durchaus als erstrebenswert, wenn Unternehmen durch die steigenden Dividenden ihren Aktionären einen Teil des Gewinns ausschütten und somit am Erfolg teilhaben lassen. Dazu zähle ich auch Aktienrückkaufprogramme als Teil einer Shareholder-freundlichen Unternehmenspolitik.

Welche Bedeutung spielt das Thema Diversifikation für Dich als Investor mit hohem US-Anteil im Portfolio?

Die Streuung bei den Einzelwerten hat eine klare Nordamerika-Übergewichtung, wobei die Großen der Branche global aufgestellte Unternehmen sind. China-Investments meide ich, lediglich meine weniger gut performende Position in Alibaba macht eine Ausnahme davon. Aufgrund der gegebenen Umstände und Rahmenbedingungen, die Firmen in den USA vorfinden, werde ich weiterhin meinen Fokus auf US-Unternehmen halten. Der Kapitalismus ist ein zentraler Teil der Erfolgsgeschichte dieses Landes. Die Grundvoraussetzungen im Wirtschaftssystem der USA sehe ich nach wie vor intakt.

An der Börse bilden wir uns als Investoren eine bestimmte Meinung, bevor wir in ein Unternehmen, ETF, Fonds, o.ä. unser Geld investieren. Die Frage an den Buy-&-Hold Extreme Investor: wann hat sich Deine Meinung zu einem Investment das letzte Mal geändert?

Akut fällt mir hier mein aktuell recht mies laufendes Investment in Weight Watchers ein. Eigentlich ein weltbekanntes Traditionsunternehmen mit etabliertem Konzept, das aber im Internetzeitalter scheinbar an seine Grenzen stößt. Die angebotenen Dienstleistungen dürften am Markt nicht mehr als zeitgemäß wahrgenommen werden. Es gibt einen harten Konkurrenzkampf in dieser Branche. Meine China-Abenteuer habe ich schon vorhin erwähnt. Die vorläufig gelöste Debatte um die Anerkennung der von lokalen Wirtschaftsprüfern testierten Bilanzen von chinesischen Unternehmen, die in Amerika börsengelistet sind, zeigt die politische Instabilität auf. Immerhin blieb mir Russland als direktes Investment erspart, dennoch bin ich an der durch den Ukraine-Krieg in Turbulenzen geratenen Uniper als Aktionär beteiligt. Aufgrund der Pleite habe ich Uniper verkauft – mit einem hohen Verlust, was eine absolute Ausnahme ist. Ich kann wenigstens den Verlust steuerlich geltend machen, was freilich ein kleiner Trost ist.

Welche Medienempfehlungen möchtest Du den Lesern mitgeben?

Wenn Du Dich mit Warren Buffett beschäftigst, kannst Du extrem viel an Erfahrung und Wissen mitnehmen. Ich lese vor allem gerne Magazine wie Barron‘s, Wall Street Journal, The Economist und Financial Times. Investor‘s Business Daily konzentriert sich stark auf Growth-Einzelwerte, wer da einmal reinschnuppern möchte. Aus Deutschland verfolge ich weiterhin gerne das Manager-Magazin, das Handelsblatt oder Euro am Sonntag, für welches ich selbst schreibe.

Tim schäfer Youtube

Tim Schäfers YouTube-Kanal

Du lebst seit über 15 Jahren in New York. Warum entschiedst Du Dich damals für die East Coast?

Das war ein Zufall. Mein ehemaliger Chef kannte in New York Heiko Thieme, wo ich im Büro quasi einen Unterschlupf finden konnte und einen Arbeitsplatz hatte. New York gefällt mir noch immer. Du hast hier so viele Möglichkeiten für Dein Berufs- wie Privatleben. Es ist gefühlt immer was los hier.

Hast Du für die Zukunft geplant nach Europa zurückzukehren?

Momentan habe ich nichts in diese Richtung geplant. Phasenweise kann ich mir einen temporären Aufenthalt für ein paar Monate vorstellen, jedoch nicht dauerhaft. Das hängt eng mit New York zusammen. Ich habe hier ein großes Netzwerk und ein breites Feld an interessanten Kontakten, was ich so wohl an keinem anderen Ort hätte.

Zum Schluss: worum geht’s im Leben?

Um Probleme zu lösen. Sich etwas zu suchen und damit zu beschäftigen, worin ein Sinn gesehen. Beim Lernen neuer Dinge die Freude zu finden. Auf seine Gesundheit achten und anderen Menschen helfen.

Tim, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview!


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